Das Innere schreit, der Kopf streicht

VERÖFFENTLICHT VON

AM

Die Geschichte über meine gestrichenen Zeilen.

Etwas, das mir am Herzen liegt.

Hallo Gesellschaft, ich bin Jana. 

Du hast etwas in mir zerstört mir etwas gegeben: gestrichene Zeilen, um falsche Erwartungen deinen Zwang die Welt zu überleben.

Dieser Text beinhaltet meine persönliche Erfahrung. Wir sind alle individuell und das ist gut so. Das bedeutet aber, dass bei dem einem funktioniert, was bei dem anderen nicht funktioniert.
Personen, denen es ähnlich wie mir geht, möchte ich Mut machen, denn selten passt zu jemanden eine Musterlösung.

Wir alle bestehen aus Türen und wenn die Zimmer Extrovertiert, Kontaktfreudig, Kommunikationsfähig und wie sie alle beschriftet sind, geschlossen bleiben – heute, morgen, übermorgen und vielleicht sogar für immer – ist das okay. Es gibt für jeden von uns Platz auf dieser Welt. Im Dunkeln. Im Licht. Dazwischen.


Willkommen zurück in meinem Geisterschloss.

Es gab eine Zeit, da stand ich im Dunkeln. Spärlich flackerndes Licht beleuchtete eine Tür. Das Wort Extrovertiert war auf ihr zu lesen. Unter dem Schlitz strahlendes Licht, darauf wartend, geöffnet zu werden. Manchmal glaubte ich, es glitzerte sogar. Das es Knochenstaub verpulverter Introvertierter war, war mir noch nicht klar.
Ich legte eine Hand auf den Türgriff. War mir sicher: Hinter dieser Tür wartet kein Zimmer, hinter dieser Tür wartet eine Welt.
Eine neue Welt. Eine Schöne. Voll Glück, Freude und Spaß. Dort feiert die Gesellschaft und nimmt dich auf. Da feiern deine Lügen und zwingen dir ein anderes Selbst auf.

Es war abgeschlossen.

Ich hielt ein Buch in der Hand, dessen Titel lautete: So brechen Sie das das Schloss vor ihrem Schneckenhaus auf. Neben mir ein Dutzend weitere. In zwei Wochen Schüchternheit besiegen. Bezwinge deinen inneren Feind. Kommunikation für Idioten.

Alles Ratgeber, die versprachen, dein Schloss zu knacken. Und weil diese für die Allgemeinheit geschrieben wurden, ging es immer darum, die Tür gewaltsam aufzubrechen, um extrovertiert durch das Leben zu gehen. Aber wenn man etwas aufbrechen muss, kann die Vorgehensweise doch nur falsch sein, oder?

Heute weiß ich, jedes Schloss ist individuell. Bevor ich etwas aufbreche, möchte ich nach einem passenden Schlüssel suchen. Habe ich keinen, bleibt die Tür geschlossen.

Aber damals dachte ich, das muss so sein. Allein finde ich keinen Schlüssel. Dann knacke ich das Schloss eben mit Gewalt; Hauptsache, ich finde einen Weg aus der dunklen Einsamkeit. Das war dumm, ich mag die dunkle Einsamkeit, zwang mir aber das Denken auf, ich darf sie nicht mögen, weil man dann zu den Komplizierten gehört.

Also habe ich die Tür aufgebrochen. Gewaltsam. Und habe mir zweihundertsechs Knochen gebrochen.

Das Problem ist, wenn man ein Schloss gewaltsam aufbricht, wird der Schließmechanismus zerstört. Bedeutet: Die Tür schließt nicht mehr, sie bleibt offen. Und egal, wo ich war – sie war da, die offene Tür, in der der vertraute Schatten die Hand nach mir ausstreckte, mit gemütlicher Dunkelheit lockte.
Es war ein ständiger Kampf Sog zurück, weil das vermeintlich strahlende Licht für mich persönlich gar nicht angenehm war.
Es blendete. War unangenehm. Tat weh. Ich war der schwarze Fleck auf reinem Weiß, tat so, als würde ich dorthin gehören, als ergebe dieses Muster einen Sinn. Aber eigentlich war ich mehr so der Makel.

Sollte ich also zurück? Zurück an jenem Ort, an dem der Wind stets durch Tür- und Fensterschlitze flüsternde Worte wehte wie: Schüchterne sind immer so anstrengend. Man muss ihnen alles aus der Nase ziehen. Das ist umständlich, nervig und kostet unnötig viel Zeit. Und heutzutage hat man keine Zeit.

Also nicht zurück.

Aus den Seiten der Ratgeber bastelte ich mir Verband. Verbrachte mehrere Tage unter der brennenden Lupe im Licht. Die Tipps und Tricks versprachen mir, den Sog irgendwann nicht mehr zu spüren. Lüge, er war immer da und zerrte an mir. Ich war das ausgerenkte, verrenkte Knochengrab, eingewickelt im Leichentuch falscher Versprechungen.

Ich hielt mich an die Leitfäden, klammerte. Verkrampft. Drehte meiner Komfortzone den Rücken zu. Lächelte wie eine Bekloppte, sprach Fremde an. Der Klassiker: Jemanden nach der Uhrzeit fragen. Ich fand das dämlich. Ergriff in Gesprächen das Wort, obwohl ich mich dabei so unwohl fühlte, ich wollte mich nah am Erdkern begraben. Negatives Denken, der Wille aufzugeben, wurde aus dem Kopf gestrichen. Nur noch ein bisschen länger und die Krämpfe würden aufhören. Aushalten. Nur noch ein bisschen, nur noch … Mein Ich lag auf der Streckbank meines erzwungenen Selbst. Ich wollte größer sein, obwohl ich klein gehöre. Ich verbot mir die Gedanken, die mich zurück ins Geisterschloss zogen. Wollte sein, was ich nicht bin: Kommunikativ. Kontaktfreudig. Erfolgreich im Krieg gegen scheue Gewohnheiten.

Ich blendete aus, was ich war: introvertiert desertiert.

Ich brach mir die Rippen, um mich anderen zu öffnen. War einfach. War gespielt glücklich. Zeigte nicht, wie kaputt ich war, wie viel es mich kostete, umgänglicher, unkomplizierter zu sein.

Da war das Weiß und ich war nicht länger nur ein Fleck. Mein Leben wurde ein weißes, aber zerknülltes Blatt Papier voller tiefschwarzer gestrichener Zeilen.

Weiter. Weiter.

Zehnmal. Hundertmal.

Der Sog wird aufhören, sagten sie.

Tausendmal.

Der Sog wird nie aufhören, wusste ich.

Und abends, wenn ich zur Tür ging, mich neben sie setzte, psychisch erschöpft, meine Hand in die des Schattens legte, wusste ich: Ich bin eine Motte, die das künstliche Licht dem Mond vorzog. Dieser Weg führt nicht geradeaus. Dieser Weg führt in die Irre, bis ich ausgebrannt verbrenne.

Ich werde nicht lange leben, wenn ich hierbleibe, dachte ich. Denn wie hoch ist die Lebenserwartung eines Menschen, dessen Herz sich täglich in das Korsett der Gesellschaft zwängt und sich enormen Stress aussetzt?

Ich will hier weg, sprachen meine Tränen für mich.

Und ich gab auf.

Ließ mich vom Sog treiben, flüchtete zurück in mein Geisterschloss.
Das Korsett war weg, die Schäden gestrichenen Zeilen sind geblieben.

Wenn du etwas nicht sein willst, dann sei es nicht. Zwing dich nicht. Mach alles in deinem Tempo, unter der Berücksichtigung deiner Persönlichkeit.

Wir müssen nicht alle extrovertiert sein. Was wir sein sollten, ist verständnisvoll zu sein. Für die Lauten, die Leisen, die Stillen und die dazwischen.

Und heute?

Ich habe die Tür repariert. Sie ist jetzt wieder verschlossen. Wenn mir danach ist, verlasse ich mein Geisterschloss durch die Vordertür als das, was ich bin. Manchmal gesprächig. Manchmal still. Ich brauche keine Hintertür.

Und manchmal öffne ich ein Zimmer der Vergangenheit, blättere durch meine alten Tagebücher und bewundere die vielen gestrichenen Zeilen.

Narben meiner Vergangenheit, aber alle wunderschön.

Heute schreibe ich keine Tagebücher mehr, heute schreibe ich Bücher – mit den Narben meiner Protagonisten, mit ihren gestrichenen Zeilen.

Danke für alle, die bis zum Ende gelesen haben. ♥


Bis bald!

Eure Jana